Pfadmodelle
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Nun zum Thema: Die Prüfung wird sich um sozialwissenschaftliche Pfadmodelle drehen. Die nachfolgenden Punkte enthalten eigene Gedankengänge aufgrund häufige genannter Quellen.
Zum Gedächnisprotokoll der Prüfung! -> Diplomprüfung Organisationssoziologie 12.12.2008 --Chrischerf 14:36, 12. Dez. 2008 (CET)
Inhaltsverzeichnis |
Ursprünge und Grundlagen:
Pfadmodelle haben sowohl kultur- als auch naturwissenschaftliche Ausgangspunkte. Eine oft anzutreffende Gemeinsamheit, ist der Versuch, daraus ein Gegenmodell zur neoklassischen Ökonomie herzuleiten.
(1) Wirtschaftswissenschaft:
Die klassische Wirtschaftswissenschaft geht davon aus, dass es in einem "freien Markt" langfristig immer zu einer stabilen Ausgewogenheit kommt. Zeitweilige Ungleichgewichte werden durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ausgeglichen. Einseitige Verfestigungen existieren nur solange und sofern, sie auf ökonomischen Effizienzvorteilen beruhen. Es herrscht - nach Schumpeter - permanent "schöpferische Zerstörung" (Schumpeter 1950 [1942]). Marktmechanismen besitzten gewissermassen eine eingebaute Selbstregulierung. Ökonomische Wechselwirkungen führen stets zu einem Gleichgewicht der Kräfte. Diese Sichtweise ist attraktiv, denn sie macht Hoffnung auf ein prinzipiell vorhersagbare und effizient gestaltbare Welt. Zwar nimmt auch die neoklassische Ökonomie an, dass es zusammenhängende Entwicklungsschleifen gibt. Diese sind jedoch negative bzw. abklingende Schleifen, d.h. die Entwicklung wird dadurch nicht verschärft, sondern einem neuen Gleichgewicht zugeführt. Kettenreaktionen führen somit zur Beruhigung des Marktes. Beispiele sind die großen Ölkrisen der 1970er Jahre. Die Entwicklung der Ölverknappung, bzw. der Verteuerung, wurde mit Sparsamkeit und der Suche nach Alternativen begegnet. Das "Erpressungspotential" der Ölstaaten ließ nach. Als wieder mehr Öl auf dem Markt war, konnten die Gegenmaßnahmen nach und nach wieder heruntergefahren werden.
Pfadansätze gehen hingegen davon aus, dass es unter bestimmten Bedingungen durchaus zur Verstetigung bzw. "Vereinseitigung" sozioökonomischer Entwicklungen kommen kann. Im krassen Gegensatz zur neoklassischen Ökonomie, werden verstärkende, aufschaukelnde Schleifen zu Grunde gelegt. Das gilt sogar dann, wenn alternative Optionen existieren, die effizienter und rationaler sind! Es kommt also zu "Verselbstständigung" kollektiver Konstellationen, auf die die Akteure nur bedingten und mittelbaren Zugriff haben. Dieses "Eigenleben" kann unterschiedliche Gründe haben, auf die unten näher eingegangen wird. Zentral sind die Faktoren Zeit und Zufall: Die durch geringfügige Ereignisse eingeschlagenen Wege setzen Eigendynamiken in Gang, die eine spätere Abkehr von diesen Wegen durch Kosten und Kontakte verhindern. Aufgrund dieser Bindungskräfte bleiben die Akteure im zurückgelegten Pfad, z. B. eine technologische Entwicklungslinie, auch wenn ein "besserer" Weg existiert. Gründe für Kosten und Kontakte sind beispielsweise getätigte Investitionen, geteilte Standards, Kundenbindung und Netzwerkeffekte (z. B. "Nutznießertum" Dritter).
(2) Soziologie:
Auch in der Soziologie liegen Ansatzpunkte von Pfadmodellen, allerdings wurde anfangs noch nicht von Pfaden gesprochen. DiMaggio und Powell (1983) benutzten den Begriff "institutioneller Isomorphismus" - in Anlehnung an das "eiserne Gehäuse" Max Webers - und meinen damit Entwicklungen im Zuge derer soziale Felder, Organisationen und Karrierewege einander immer ähnlicher werden. Sie nennen dafür drei idealtypische Ursachen:
i) äußerer Druck (z.B. Abhängigkeit von zentralen Ressourcen)
ii) Nachahmung (z.B. Übernahme erfolgversprechender Managementkonzepte)
iii) geteilte Normen (z.B. Bewerbungsverfahren)
(3) Geschichtswissenschaft:
In der Geschichtswissenschaft hat u. a. die kontrafaktische Geschichtsschreibung die Aufmerksamkeit auf Pfadphänomene gelenkt. Die Frage "Was wäre gewesen wenn?" impliziert, dass zu bestimmten Zeiten historische Weichenstellungen auftreten, zwischen denen die Geschichte aber gleichwohl nachzeichbaren Bannen folgt (vgl. Mahoney 2000: 513). Dies bedeutet die theoretische Annahme alternativer Realität.
(4) Biologische Evolutionstheorie:
Mit der Evolutionstheorie kann man unter einem Pfad eine Entwicklung verstehen, die durch Mutation, Retention und Selektion hervorgerufen und in Gang gehalten wird. Die ursprünglich aus der Lehre Charles Darwins stammtenden Begriff wurden später auf sozioökonomische Entwicklungen übertragen.
(5) Moderne Physik:
In der nicht-linearen Physik gibt es Pfadphänomene. Unterscheidliche Anfangsbedingungen und Aufschaukelungen können zu nicht-linearen Prozessen führen, die schwer zu fassen sind.
Anwendungsbereiche und Beispiele:
Pfadmodelle haben keinen speziellen Anwendungsbereich, sondern lassen sich prinzipiell auf vielfältige Inhalte beziehen. Sowohl technische Innovationen, als auch soziale Institutionen können pfadperspektivisch betrachtet werden. Das Spektrum reicht von konkreten Gegenständen bis zu sozioökonomische Makrostrukturen. Beispielhaft waren aber vor allem „greifbare“ Artefakte. So erlangt etwa der Fall der so genannte „QWERTY-Tastatur“ Vorbildcharakter (David 1985). In der Soziologie kann man zwischen eher techniksoziologischen Anwendung (auf Innovationen) und mehr organisationssoziologischen Anwendungen (auf Institutionen) unterscheiden. Klar abgrenzen lassen sich diese beiden Seiten jedoch nicht.
Eine Modellvostellung der Pfadperspektive vermittelt das Polya-Urnen-Beispiel: Anfänglich liegen zwei Kugeln unterschiedlicher Farbe in einer Urne. Eine der beiden Kugeln wird gezogen. Danach wird die gezogen Kugel zusammen mit einer Kugel gleicher Farbe zurück in die Urne gelegt. Dieser Vorgang wird sehr oft wiederholt. Mit immer größerer Anzahl von Ziehungen "setzt sich schließlich eine Farbe durch". Das Beispiel zeigt Parallelen zur Pfadperspektive. Keine Kugel, bzw. Farbe, hat am Anfang spezifische Vorteile, beide haben die gleichen Voraussetzungen. Daher hat der Zufall, mit dem die ersten Ziehungen erfolgen, sehr hohe Bedeutung. Denn danach haben die anfangs gezogene Farben, durch das Hinzulegen dergleichen Farben, eine stark zunehmende Wahrscheinlich zu dominieren.
Weitere bekannte Beispiele sind
- der Kampf zwischen Betamax und VHS um den privaten Videostandard
- der Triumph des Leichtwasser-Reaktors als vorherrschender AKW-Typ
- die Vielfalt und schnelle Eingrenzung erster Automobilantriebe
- Computerindustrie in Silicon Valley und Textilindustrie in Norditalien als selbstverstärkende Agglomerationsräume
- Spielarten des Kapitalismus als nationale Wege (markt-liberales Modell ins USA und markt-koordinierdes Modell in Deutschland)
- Transformation der postsozialistischen Staaten Osteuropas
- die Donald-Douglas DC 3 als Prototyp vieler Flugzeugmodelle
Bei einigen dieser Beispiele wurden die Voraussetzungen für Pfadabhängigkeiten kritisch hinterfragt und teilweise widerlegt.
Ansatz der Pfadabhängigkeit:
Der Ansatz der Pfadabhängigkeit stellt kontinuitätssichernde Entwicklungsmechanismen in den Vordergrund. Damit ist jedoch nicht einfach ein effizienzbezogenes Optimum (’’the one best way’’) gemeint, sondern ein Sammelsurium von Leitaspekten. Diese halten Entwicklungen auch dann noch auf ihrem vorgegebenen Pfad, wenn eigentlich effizientere Alternativen möglich sind. Das klassische Paradebeispiel ist die Tastaturform, auf der ich gerade schreibe (David 1985): Obwohl es ergonomisch effizientere Tastenanordnungen gibt, hat sich eine Frühform erhalten, bei der die Tasten nach den Anforderungen mechanischer Schreibmaschinen angeordnet sind. Diese Anforderungen bestehen bei elektrischen Schreibmaschinen und Personalcomputern nicht mehr. Die Tastatur folgt aber immer noch der gleichen Anordnung. Bislang war kaum eine, der durchaus vorhandenen Alternativen, in der Lage, sich auf im Markt durchzusetzen (Beyer 2006: 245ff.). So gibt es z. B. die "Dvorak-Tastatur", doch fast niemand lernt auf eine solchen Tastenanordnung schreiben, da sie selten vorkommt und sie kommt wiederum selten vor, weil kaum jemand auf ihr schreibt (vgl. Liebowitz/Margolis 1995: 213)
Bei Pfadabhängigkeiten spielen allgemein folgende Mechanismen eine zentrale Rolle, die nicht trennscharf sind (nach Beyer 2006: 36 und Pierson 2000):
- Irreversible Sequenzen (Unumkehrbare Abfolgen): ähnlich wie verstärkender Schleifen - die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Schritt auf dem selben Pfad erfolgt, wie der vorherige, nimmt von Schritt zu Schritt zu (vgl. Pierson 2000: 252)
- (Selbst)verstärkende Schleifen (’’increasing returns’’): diese Entwicklung besteht aus vier Teilaspekten (Unvorhersehbarkeit, Inflexibilität, Nachwirkung und potentielle Ineffizienz; vgl. Pierson 2000: 253)
- Funktionalität (Zweckbestimmung): der Pfad wird für das Funktionieren eines Zusammenhangs als unentbehrlich erachtet - Alternativen gefährden u.U. diesen Funktionszusammenhang (Bsp.: umweltpolitische Zielvereinbarungen wie der Ausbau erneuerbarer Energien - kontra Beibehaltung der Kernkraft)
- Komplementarität (Interaktionseffekte): die am Pfad Partizipierenden genießen gegenseitige Vorteile, wenn sie dem gleichen Pfad folgen (Bsp.: anschlussfähige technische Standards wie Infrastrukturen oder Interfaces)
- Legitimität (Sanktionierung): ein Pfad gilt in einer bestimmten Umgebung als einzig legitimer Weg - Abweichungen werden sanktionell geahndet (Bsp.: Ehegelöbnis "Bis dass der Tod uns scheidet!" in kirchlichen Kreisen)
- Konformität: Anpassungswille zu einem bestimmten Pfad (Bsp.: allgemein anerkannte Vorbilder führen zu ähnlichen Berufsbildern)
- Machtaspekte: "Pfadführer" kann andere auf seinen Pfad zwingen (Bsp.: wirtschaftliche Monopolstellung wie Abhängigkeit von zentralen Rohstoff-Ressourcen)
- Agglomerationseffekt: Zusammenballung bestimmter ökonomischer Potenziale an einem Punkt führt dazu, dass dieser Punkt auf andere Branchenteilnehmer wie ein Magnet wirkt (Bsp.: Ansiedlungen wie Silicon Valley in Kalifornien; vgl. Pierson 2000: 255)
- Memory-Effekt: vergangene Ereignisse wirken auf Künftiges fort (Bsp.: Handelnde antizipieren aus gemachten Erfahrungen und erschaffen sich so eine Zukunft nach diesem Bilde - selbsterfüllende Prophezeiung)
Taylor C. Boas (2007) veranschaulicht die oberen Punkte - insbesondere verstärkende Schleifen und Komplementarität - anhand eines Netzwerks zwischen QWERTY-Tastatur-Nutzern: "We can calculate the value of the network by counting the number of direct connections between users: in this case 10 [s. Abb.]:
"The effect of increasing returns in this example is obvious when one considers increasing the number of users: six users would generate a value of 15, seven users would raise the value to 21, and in general, N users would generate a network with value [N*(N-1)/2" (Boas 2007: 40). Bemisst man den Wert eines Netzwerks an der Anzahl der direkten Verbindungen zwischen seinen Mitgliedern, so steigt der Wert deS Netzwerks an, je mehr Mitglieder es hat - und zwar nicht linear, sondern mit zunehmender Anzahl immer stärker! Die Vorteiler, die das Neumitglied hat, sind also für dieses immer attraktiver.
Liebowitz und Margolis (1995) unterscheiden drei Arten von Pfadabhängigkeit:
1. positive Pfadabhängigkeit oder "Pfadeffizienz": Akteure folgen (wissentlich) Entwicklungspfaden, die nur unter hohen Kosten verlassen werden könnten, dies stellt jedoch kein Problem dar, solange keine aussichtsreichere Alternative bekannt ist
2. unvermeidbare Pfadabhängigkeit: die Erkenntnis, dass bereits bei der Entstehung des Pfades eine effizientere Alternative vorhanden war, war zu diesem Zeitpunkt magels Informationen niemandem bekannt - ein Grundproblem institutitioneller Arrangements
3. ineffiziente aber vermeidbare Pfadabhängigkeit: zu Pfadbeginn gab es zwei Gruppen von Pfadteilnehmern -> diejenigen, die um die Ineffizienz wussten, aber nicht anders wollten/konnten und diejenigen, die aus begrenzten Informationen heraus auf das "falsche Pferd setzten"
Nach Liebowitz und Margolis sind die 1. und die 2. Art "weiche" Formen der Pfadabhängigkeit. Es gibt sie, aber sie sind kein Widerspruch zur neoklassischen Ökonomie, sondern im Grunde lange bekannt und unvermeitlich. Lediglich die 3. Art ist die "harte" und damit interessante Form der Pfadabhängigkeit. Sie fordert die Neoklassik wirklich heraus, ist aber an sehr voraussetzungsvolle Umstände geknüpft (Liebowitz/Margolis 1995: 206ff.).
Paul Pierson (2000) relativiert die Kritik von Liebowitz und Margolis. Er stimmt der Aussage zu, dass es in der Ökonomie wenig vermeidbare Pfadabhängigkeiten gibt, da durchaus versucht wird, langfristige Kostentrends in Rechnung zu stellt. In der Politik, so Pierson, herrscht hingegen ein kürzerer Zeithorizont. Pierson führt dies z. B. auf die Wahlperioden von Politikern zurück, die dadruch nur ihre eigene Amtszeit bis zur (Wieder)wahl im Blick haben und kaum darüber hinausdenken (Pierson 2000: 261). Zudem seien die "start-up-Kosten" in der Politik oft höher als in der Wirtschaft, da zeitgleiches, kollektives Handeln eine größere Rolle spiele. Kurzum, die Politik bietet laut Pierson zahlreiche Beispiele für prinzipiell vermeitbare Pfadabhängigkeit.
Ansatz der Pfadkreation:
Die Pfadkreations-Idee ist aus der Kritik an der Idee der Pfadabhängigkeit hervorgegangen. Anhänger der Pfadkreation verneinen nicht grundsätzlich die Existenz von Pfaden, betonen aber stärker das dynamische und kreative Moment der beteiligten Akteure. Diese seien selber in der Lage, Pfade aktiv mit zu gestalten und sogar zu begründen. Bekannte Vertreter des Kreationsansatzes sind Garud und Karnøe (2001). Sie sprechen Akteuren die Begabung der absichtsvollen Abweichung vom Pfad zu ("mindful deviation"). "Pfadkreateure" sind Mobilisierer und Multiplikatoren von sachlichen, sozialen und zeitlichen Ressourcen. Garud und Karnøe verdeutlichen dies am Beispiel der Erfindung des wiederverwendbaren Klebezettels Post-it®. Hier, so ihre These, wurde aktiv ein neuer Pfad kreiert, der vorher gar nicht existierte. Im Gegenteil, niemand wollte einen Klebstoff kaufen, der nicht richtig klebt ("a glue that does not glue"). Diese Entwicklungsrichtung schien funktional widersinnig. Es gab auf den ersten Blick kein Bedürfnis, das damit hätte befriedigt werden können. Die Entwickler hatten zuerst eine Lösung und suchten nun ein dazu passendes Problem. Dies fand sich schließlich in der Möglichkeit, Gegenstände mit "Merkzetteln" zu versehen, die man nach Gebrauch leicht und rückstandslos entfernen kann. Seither bildete Post-it® einen dauernden Pfad, der aus keinem Bücherregal wegzudenken ist.
Die Idee vom aktiven Arrangement zwischen Akteuren und Ressourcen hat Bezüge zur Akteur-Netzwerk-Theorie, die Garud und Karnøe ausdrücklich erwähnen (Garud/Karnøe 2001: 18). Ein bekanntes Beispiel ist die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Milzbrand durch Louis Pasteur (siehe Latour 1999[1983]).
Zusammenfassende Kritiken und Fortführungen:
In der Dichotomie zwischen Pfadabhängigkeit und Pfadkreation spiegelt sich die altbekannte Handlungs-Struktur-Debatte der Soziologie wieder. Die eine Seite betont eher die Strukturseite, die andere eher die Handlungsseite. Dazwischen haben sich vermittelnde Ansätze eingefunden. Arnold Windeler bringt die Ambivalenz zwischen Abhängigkeit und Kreation in Verbindung mit der Strukturationstheorie von Anthony Giddens (Windeler 2003). Uli Meyer und Cornelius Schubert schlagen den Begriff der Pfadkonstitution vor, der beide Seiten umfassen soll (Meyer/Schubert 2005, 2007).
Im Kern der Kritik geht als also darum, den einseitigen Determinismus zwischen Abhängigkeit auf der einen oder Kreation auf der anderen Seite zu überwinden. Dazu gibt es prinzipiell zwei Wege: Entweder man erweitert einen der beiden Seiten, so dass sie die andere miteinschließt, oder man findet einen dritten Ansatz, der beide Seiten in sich aufnimmt. Meyer und Schubert machen letzteres und bringen dafür den Begriff der Konstitution ins Spiel. Windeler versucht mit Giddens' Strukturationen ebenfalls ein drittes, vermittelndes Element einzubringen.
Ein Beispiel des erstgenannten Falles, die Erweiterung einer Seite, bietet Taylor C. Boas (2007). Boas hält an dem Grundprinzip der Pfadabhängigkeit fest, versucht dies aber differenzierter zu fassen. Die Unterscheidung in Makro- und Mikroebene erlaubt ihm, ein Verständnis von Veränderung trotz Stabilität zu wecken. Während eine Ebene stabil, also Pfadabhängig, ist kann auf der anderen Ebene durchaus Wandel eintreten, indem z.B. Komponeten genutzt oder aber gespeert werden. Boas nennt das "the composite-standard model of path dependence".
Mehrere Theoretiker weisen darauf hin, dass ein umfassendes Verständnis von (institutionellen) Pfadmodellen eine differenzierte Unterscheidung von Institutionen voraussetzt (Kiwit 1995; Mahoney 2000). Je nach Institutions-Typus unterscheidet sich bei ihnen auch das Pfadmodell. Kiwit unterscheidet internalisierte Institutionen (Konvention, persönliche Ethik, soziale Norm, organisationale Regel) und externalisierte Institution (staatliches Recht) (Kiwit 1995: 10). Mahoney unterscheidet:
- utilitaristische Erklärung (Institutionen mehr oder weniger effizienter als die Alternativen)
- funktionale Erklärung (Institutionen mehr oder weniger funktional als die Alternativen)
- Macht-Erklärung (Institution mehrt die Macht einer Elite)
- Legitimations-Erklärung (Institution stimmt mit den ethisch-moralischen Wertvorstellung seiner Träger überein)(Mahoney 2000: 517).
Parallelen zu soziologischen Theoretikern:
- Anthony Giddens: Dualität zwischen Struktur (hier: Pfadabhängigkeit) und Handeln (hier: Pfadkreation) (Giddens 1995 [1984])
- Emile Durkheim: "Eigengesetzmäßigkeit" des gesellschaftlichen Ganzen "über" den einzelnen Individuuen (Durkheim 1984 [1895])
- Max Weber: "Stahlartes Gehäuse der Hörigkeit" (vgl. auch DiMaggio/Powell 1983)
- Robert K. Merton: Bilder der Selbsterfüllenden Prophezeiung und des Matthäus-Effekts (Merton 1985 [1968])
Häufig genannte Quellen und Hinweise:
Boas, Taylor C. (2007): Conceptualizing Continuity and Change - The Composite-Standard Model of Path Dependence, in: Journal of Theoretical Politics 19(1): 33-54.
Latour, Bruno (1999 [1983]): Give Me a Laboratory and I Will Raise the World, in: Biagoli, Mario (Hrsg); The Science Studies Reader. New York/London, S. 258-275.
Kiwit, Daniel (1995): Path-dependence in technological and institutional change - some critisms and suggestions. Diskussionsbeitrag 10/95, Max-Planck-Institut zur Erforschung von Wirtschaftssytemen.
Meyer, Uli; Schubert, Cornelius (2007): Integrating path dependency and path creation in a general understanding of path constitution. Science, Technology & Innovation Studies Vol. 3, May 2007. [1]
Windeler, Arnold (2003): Kreation technologischer Pfade: ein strukturationstheoretischer Analyseansatz. in: Schreyögg, G.; Sydow, J. (Hg.): Managementforschung 13. Wiesbaden, Gabler-Verlag: 295-328.
Klassiker:
- Arthur, Brian W. (2000): Increasing Returns and Path Dependence in the Economy. The University of Michigan Press.
- David, Paul A. (1985): Clio and the Economies of QWERTY. In: American Economie Rewiev, 75 (2), S. 332-337. [2] – DAS Paradebeispiel!
- DiMaggio, Paul J.; Powell, Walter W. (1983): The Iron Cage Revisited – Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields, in: American Sociology Review, 48 (2), S. 147-160. [3]
- Dosi, Giovanni (1982): Technological Paradigms and technological trajectories. In: Research Policy, 11, S. 147 – 162. [4]
- Garud, Raghu; Karnøe, Peter (2001): Path Creation as a Process of Mindful Deviation, in: Garud, Raghu; Karnøe, Peter (Hrsg.); Path Dependence and Creation. Mahwah (New Jersey) / London: LEA. [5]
- Mahoney, James (2000): Path Dependence in Historical Sociology. In: Theory and Society, 29, 507-548. [6]
- North, Douglass C. (1990): Institutions, Institutional Chance and Economic Performance. Cambridge: Cambridge University Press.
- Pierson, Paul (2000): Increasing Returns, Path Dependence, and the Study of Politics, in: The Amercian Political Review. Vol. 94, No. 2 (Jun., 2000), pp. 251-267. [7]
Kritiker:
- Crouch, Colin; Farrell, Henry (2004): Breaking the Path of Instiutional Development? Alternatives to the New Determinism, in: Rationality and Society 2004, 16(1), S. 5-43. [8]
- Liebowitz, S.J.; Magolis, Stephen E. (1995): Path Dependence, Lock-In, and History, in: Theory and Society 29: 507-48. [9]
Internetquellenquellen:
Beyer, Jürgen (2006): Pfadabhängigkeit. Kapitel 1: Pfadabhängigkeit ist nicht gleich Pfadabhängigkeit! Frankfurt/New York: Campus.
Ebbinghaus, Bernhard (2005): Can Path Dependence Explain Institutional Chance? MPIfG Discussion Paper 05/2. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung.
Liebowitz, Stan; Margolis Stephen E. (1996): The standard typewriter keyboard is Exhibit A in the hottest new case against markets. But the evidence has been cooked. In: Reason magazine, (June).
Meyer, Uli; Schubert, Cornelius (2005): Die Konstitution technologischer Pfade. TUTS-Paper, Technische Universität Berlin.
Schreyögg, Georg (2008): Technologische und strategische Pfade 1 - Wie Unternehmenpfadabhängig werden. Innovationsforum der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung, 26. Mai 2008 in Berlin.
Sydow, Jörg; Windeler, Arnold; Möllering, Guido (2004): Path-creating networks in the field of next generation lithography: outline of a research project. TU Berlin
Eine gute Zusammenfassung bietet:
Werle, Raymund (2007): Pfadabhängigkeit, in: Benz, Arthur; Lutz, Susanne; Schimank, Uwe; Simonis, Georg (Hrsg.); Handbuch Governance - Theoretische Grundlagen und empirische Anwendungsfelder. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 119-130. [10]
Laufende und Vergangene Veranstaltungen zum Thema:
Pfadkolleg an der FU Berlin [11]
HS Technologische Pfade und Netzwerke, WS 2005/2006, Dozenten: Arnold Windeler, Cornelius Schubert.
Organisationssoziologisches Kolloquium: Organisation eines Pfadbruchs? (CO vom 22.01.09)
Sonstige Quellen
Durkheim, Emile: Die Regeln der soziologischen Methode. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1984 (franz. Orig. 1895). ISBN 3-518-28064-3
Giddens, Anthony: Die Konstitution der Gesellschaft - Grundzüge einer Theorie der Strukturation. Frankfurt a. M. / New York: Campus, 1995 (engl. Orig. 1984). ISBN 3-593-34744-X
Merton, Robert King: Der Matthäus-Effekt in der Wissenschaft, in: Robert K. Merton, Entwicklung und Wandel von Forschungsinteressen. Aufsätze zur Wissenschaftssoziologie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1985 (amerik. Orig. 1968), S. 147-171.
Schumpeter, Joseph Alois: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 1950 (amerik. Orig. 1942).
